Inklusion… ein gescheitertes Projekt?

 „Inklusion lässt sich nicht einfach verordnen. Sie hängt wesentlich auch von Einstellungen,  Erfahrungen und Vorurteile ab. Es muss in den Köpfen noch viel passieren,  bis wir die Andersheit von Menschen als Gleichheit erleben.“         Barbara Fornefeld,  Professorin für die Rehabilitationswissenschaft an der Universität Köln

Über Jahrhunderte wurden beeinträchtige Menschen, egal ob körperlich oder geistig, ausgegrenzt und vorgeführt.  Im Mittelalter war entweder die Famile für jene Menschen zuständig oder sie mussten sich mit Almosen abfinden. Dennoch waren sie immer ausgegrenzt, selbst wenn sie ihren Lebensunterhalt selbst „verdienten“ in sogenannten Kuriositätenkabinetten. Durch die Umbrüche der Industrialisierung und der Entwertung der Familie kamen sie meist in staatliche Obhut, sprich Einrichtungen –  sogenannten Irrenanstalten. Ab 1933 wurden sie staatlich „entsorgt“. Ein Thema, das bis heute nie wirklich aufgearbeitet wurde. Im geteilten Deutschland gab es dann einen unterschiedlichen Umgang. In der DDR wurden sie entweder in den normalen Alltag integriert, wenn es möglich war. Arbeit war schließlich das Recht eines jeden Bürgers. Wenn es aber nicht möglich war, wurden Kindern ihren Eltern entzogen, da diese ja die Pflicht zum Arbeiten hatten.

In der BRD hingegen förderte man die kriegs-und arbeitsverletzten Menschen, so dass sie ihren Alltag allein meistern konnten.  Aber was ist mit jenen, die mit einer körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung geboren wurden? Nun, dafür gab es Sonder- und Förderschulen, danach die Behindertenwerkstätte, die es auch heute noch gibt. Doch besserte sich das Angebot und die Möglichkeiten immer mehr, vor allem nach der Wende und nachdem die UN-Behindertenrechtskonvention ab 2008 Inklusion als Menschenrecht erklärt hat. Schon in den 1970ern forderten Mitglieder der Behindertenbewegung in den USA eine Teilhabe im Alltag ein.

Warum kommt es einem aber dann so vor als ob in Deutschland nichts vorangeht? Warum ist Deutschland dann bei den hinteren Rängen zu finden? Nun, das hat viele Gründe. Zum einen ist der Anteil von behinderten Schülern, die die Förderschulen besuchen, höher als jener von Schülern, die auf inklusive Schulen gehen. Außerdem gibt es Unterschiede zwischen den Ländern, was im Förderalismus unserers Schulwesens begründet ist. Um dies zu beseitigen müsste der Bund einheitliche Standards einführen und für mehr und besser geschultes Personal sorgen.

Die andere unschöne Wahrheit liegt an den Werkstätten.  Die Arbeiter verrichten zwar reguläre und gleichwertige Arbeit, wie andere Arbeitnehmer auch, doch gilt für sie der Mindestlohn nicht. Das Arbeitsgericht Kiel hat am 19.06.2015 ein Urteil gefällt, nachdem einArbeitnehmer den Mindestlohn einklagen wollte.  Da er jedoch einen Werkstattvertrag hatte, wurde die Klage abgewiesen, da nur Arbeitnehmer den Mindestlohn einfordern dürfen aber nicht Beschäftigte der Werkstätten,  da sie in einer „nicht arbeitnehmerähnlichen Beschäftigung“ sind und sich die Werkstätten an feste, gesetzliche Bestimmungen orientieren. Das bedeutet,  dass behinderte Arbeitnehmer kein Recht auf angemessene Vergütung haben und daher der Staat nachbuttern muss statt dieses Schlupfloch zu schließen.  Das kommt zum größten Niedriglohnsektor europaweit hinzu.

Manche behaupten gerne, dass die Inklusion ein gescheitertes Projekt sei aber wenn man ehrlich ist, waren die bisherigen Versuche auch nur halbherzig und es ist noch ein weiter Weg zu gehen. Dafür müssen wir sie ernst meinen und die Umwelt so anpassen, dass behinderte Menschen ein selbstbestimmtes Leben führen können, so sie denn fähig sind.

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